Eigene Sämlinge

Anfangs hatte ich nicht die Absicht, selbst Taglilien zu züchten – es gibt ohnehin schon unübersehbar viele schöne Sorten, die hier irgendwann zwischen Mitte Juni und Mitte Juli blühen. Dann stolperte ich über einen Beitrag über Mike Huben, einem US-Züchter, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Tagliliensaison auch in kühleren Klimazonen auf fünf Monate auszudehnen. Er selbst züchtete Northern Rebloomer, die mit mehreren Blütenschüben bis zum ersten Frost blühen, empfahl aber auf seiner Webseite viele sehr frühe und spät/sehr spät blühende Sorten.

Taglilien schon im Mai und vor allem Sorten, die bis in den Herbst hinein blühen – das klang verlockend, aber bald fand ich heraus, daß nur ein kleiner Bruchteil der genannten Sorten in Europa verfügbar war. Mehrere Jahre beschäftigte ich mich als ‘Plant-Hunter’ um zumindest einige davon in meinen Garten zu holen. Ein Direktimport aus den USA (Vermont, Olallie Gardens) von einem Spezialisten für sehr winterharte späte/sehr späte Sorten änderte alles.

Ich hatte Sorten im Garten, die ihre letzten Blüten Ende Oktober öffneten – und ich war fasziniert . Allerdings liegt die überwiegende Mehrzahl der späten/sehr späten Sorten bislang optisch um Jahrzehnte zurück. Die hervorstechenden Merkmale moderner Züchtungen, wie bunte Farben und Augenzeichnungen/Ränder, üppige Rüschen und hohe Knospenzahlen sucht man hier häufig vergebens.

Was also tun, wenn man sich den üppigen Blütenrausch auch noch im August oder September wünscht? Selbst zur Tat schreiten war die für mich naheliegendste Lösung und so startete ich vor 4 Jahren mit den ersten Bestäubungen. Dabei war der Platzmangel im Hausgarten ein stark limitierender Faktor – trotzdem zeigten sich schon die ersten erfolgversprechenden Ergebnisse. Viele Sämlingskinder blühten genauso spät wie die Elternsorten, einige hatten eine schönere Blütenform, klarere Farben, größere Blüten oder mehr Knospen.

Glücklicherweise dürfen wir nun seit zwei Jahren einen aufgelassenen Gemüsegarten in der Nachbarschaft nutzen und neben dem Gemüse für die Familie wachsen dort nun auch rund 1.000 Sämlinge. 

 

Sämlingsgarten

Die Sämlingsbeete stehen in Vollblüte, wenn die Taglilien-Hochblüte schon vorüber ist.

Durch das breit gefaßte Zuchtziel, eine große Vielfalt an Farben, Formen und Typen von Taglilien für die Zeit ‘nach der Hochblüte’ zu produzieren, entstanden mittlerweile viele sehr unterschiedliche spät blühende Sämlinge, diploide wie tetraploide, winzige und riesige, schlanke und runde, blasse und bunte – manche blühen sogar mehrmals hintereinander.

Derzeit beobachte, bewerte und dokumentiere ich ungefähr 25 genauer – wenn sie sich weiter so positiv entwickeln, sind erste Registrierungen für 2020 geplant.

Weil Bestäubungen später Sorten mit Rebloom-Blüten früher blühender bunter und gerüschter Sorten  unerwartet viele spät blühende Sämlinge ergeben haben, habe ich im vorigen Sommer erstmals testweise Pollen eingefroren und zur Bestäubung verwendet – viele so entstandene Samen schlummern derzeit im Kühlschrank. Diese Strategie werde ich 2020 weiter verfolgen, um noch mehr moderne Optik in die späte Saison zu bringen, erste Ergebnisse sind voraussichtlich 2020 zu sehen.

Die in den Unterkapiteln gezeigten Fotos stellen eine kleine Auswahl dar – die Pflanzen zeichnen sich nicht durch spektakuläre topmoderne Blüten, sondern durch ihre Blütezeit aus – einige wenige blühen hier schon Anfang Juni, andere blühen mehrmals hintereinander, die Mehrzahl blüht erst , wenn die herkömmlichen Sorten bereits verblüht sind – hier also ab Mitte Juli.

Einige Sämlinge haben zur leichteren Identifizierung im Beet derzeit Arbeitsnamen - ob sie bei der Registrierung verwendet werden können, ist vorerst noch offen.